Warum das Recht auf Selbstbestimmung von Kindern unseren Alltag entstressen kann

Warum das Recht auf Selbstbestimmung von Kindern unseren Alltag entstressen kann

Es gab eine Zeit, da habe ich mit unseren Kindern oft in Form von Drohungen gesprochen. „Tust Du dies nicht, bekommst Du das nicht“. Wenn sie mich gefragt haben, warum sie etwas tun sollen, habe ich, wenn ich besonders gestresst war, manchmal einfach gesagt: „Weil ich das sage! Eltern sind halt die Chefs im Haus“. Eltern als Chefs… das hat leider so gar nichts mit „Team Familie“ zu tun. Dieser Umgang hat sich ständig nach Kampf angefühlt, bzw war er das ja auch. Es hat mir total viel Energie gezogen, war es doch eine Art der Kommunikation, die nicht gerade vor Liebe und Zugewandtheit übersprudelt. Und vor allem ignoriert dieser Umgang das Recht auf Selbstbestimmung von Kindern eigentlich komplett. Aber diese Art der Kommunikation mit Kindern erlebe ich wirklich viel.

Erwachsenenwelt vs. Kinderwelt

Warum ist das so? Der Alltag mit Kindern kann ganz schön anstrengend werden. Die Bedürfnisse von Kindern sind oft so ganz andere, als die der Erwachsenen. Und wenn man Arbeit, Termine, Haushalt und irgendwo noch die eigenen Bedürfnisse im Alltag unter bringen möchte, verliert man als Eltern schnell den Blick und die Sensibilität für die Entwicklungsphasen und Bedürfnisse der Kinder. Wir hetzen durch unseren Alltag und um alles irgendwie zu schaffen, müssen nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Kinder funktionieren… glauben wir. Wie unfassbar anstrengend ist es dann, wenn die Kinder einen ganz anderen Rhythmus haben. Und erst noch etwas fertig machen, etwas bestaunen, gerade wie eine Katze schleichen möchten oder einfach keine Lust haben uns zu folgen.

Im Stress passiert es dann schnell mal, dass wir zu etwas „Nein“ sagen, weil es uns anstrengend vorkommt, weil wir eigentlich einen ganz anderen Plan hatten. Wir schränken das Selbstbestimmungsrecht unserer Kinder also ein, weil es gerade nicht in unsere Erwachsenenwelt passt. Verständlicherweise ist das Geschrei dann ganz schnell ganz groß. Denn unsere Kinder fühlen sich dadurch nicht gesehen, unfair behandelt und machtlos. Zu Recht! Wut ist in diesem Moment eine ganz natürliche und psychisch gesunde Reaktion. Was tun?

„Ich muss doch konsequent sein“

Womöglich geistert jetzt auch noch diese Vorstellung in unserem Kopf herum, dass wir unseren Kindern nicht alles durchgehen lassen dürfen. Dass sie Regeln brauchen und dass wir bloß nicht inkonsequent sein dürfen, weil sie uns sonst auf der Nase herum tanzen. Und dann wird gekämpft und beide Seiten fühlen sich irgendwie so hilflos.

Ja, ich glaube auch, dass unsere Kinder Orientierung brauchen. Aber Orientierung heißt nicht unbedingt, dass ein einmal ausgesprochenes „Nein“ nicht mehr geändert werden darf. Unsere Kinder dürfen auch lernen, dass man Entscheidungen ändern darf. Dass man Meinungen ändern darf und zwar in dem Moment, wo man einen anderen Blickwinkel einnimmt. Unsere Kinder dürfen lernen, wie wertvoll Perspektivwechsel sein können. In dem Moment, in dem ich meinem Kind vermittle: „Ich sehe Dich mit Deinem Bedürfnis. Ich habe verstanden wie wichtig Dir das ist. Lass uns eine gemeinsame Lösung finden“ , lernt es, dass man in einer Gemeinschaft verschiedene Bedürfnisse vereinen kann und sich nicht der Stärkere über den Schwächeren stellt.

Denn in dem Moment, in dem ich das Selbstbestimmungsrecht meines Kindes ignoriere, ist es nicht anderes als ein Ausnutzen meiner Macht und Stärke.

Natürlich gibt es Momente, in denen das Selbstbestimmungsrecht unserer Kinder aufgrund anderer Regeln des Miteinanders keinen Vorrang hat. Aber auch dann kann man das Selbstbestimmungsrecht achten, indem man das thematisiert und nicht einfach darüber hinweg geht. Gib Deinem Kind das Gefühl, dass Du verstehen kannst, dass es sich doof anfühlt, dass es etwas jetzt nicht selbst bestimmen und entscheiden darf.

Zum Beispiel: „Ich verstehe Dich. Du hast da jetzt so eine Lust zu und bist ganz wütend, dass Du das nicht machen kannst. Aber ich muss auch auf Dich aufpassen und mit einem Messer als Schwert durch die Wohnung laufen, ist zu gefährlich“. Ganz kleine Kinder verstehen den Sinn Deiner Worte vielleicht noch nicht, aber die Energie des Verständnisses und der Anerkennung kommt trotzdem an.

Aber ist der Alltag nicht leichter mit gehorsamen und angepassten Kindern?

Manche Kinder werden einfach still und fügen sich, wenn ihr Selbstbestimmungsrecht wieder und wieder ignoriert wird. Mit diesen Kindern wird der Alltag sicherlich leichter. Aber sie werden dann auch sehr wahrscheinlich zu Erwachsenen, die sich nicht bewusst sind, dass sie selbst Schöpfer ihres Lebens sind und nicht „die Anderen“ die Verantwortung tragen oder „an allem Schuld“ sind. Der Umgang mit Menschen, die immer Andere verantwortlich machen ist auch nicht gerade einfach.

Andere Kinder werden, wenn sie stark reglementiert werden, erst recht aggressiv und aufsässig.

Beides ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht so richtig rund läuft. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass Kinder das Gefühl bekommen mitreden zu dürfen und selbst Entscheidungen treffen dürfen. Sie müssen weniger kämpfen, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihre Bedürfnisse geachtet werden und können ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln. Außerdem stärkt es das Gefühl von Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen in die eigene Kompetenz und Kontrolle.

Alles nur noch selbstbestimmt?

Ehrlicherweise tue ich mich bei selbstbestimmtem Schlafen, sowie bei TV- und Süßigkeiten-Konsum zum Beispiel noch schwer.

Aber das ist auch ok.

Schau wie es für Euch passt. Womit Ihr Euch gut und sicher fühlt. Das darf sich alles entwickeln und an Euer Leben anpassen. Schließlich geht es hier nicht darum irgendeinem Ideal gerecht zu werden, sondern den Alltag zu erleichtern, zu mehr Gelassenheit zu finden und sich gemeinsam wohl zu fühlen. Wenn Du einfach das Bewusstsein für das Selbstbestimmungsrecht Deines Kindes integrierst, ist schon sehr viel gewonnen.

Es kann auch nicht funktionieren vom einen ins andere „Extrem“ zu wechseln. Damit könnten unsere Kinder gar nicht umgehen. Dann kommt es zu „Binge watching, eating“ usw. Denn unsere Kinder haben es schließlich noch nicht ausreichend gelernt in diesen Bereichen auf die Signale ihres Körpers und ihrer Psyche zu hören. Außerdem haben sie Angst, dass Mama und Papa jeden Moment wieder alles weg nehmen könnten.

Mein Mann und ich haben damit begonnen, dass unsere Kinder entscheiden durften wie viel sie anziehen. Wie oft bestimmen wir Eltern, dass eine Jacke angezogen werden muss, die Mütze auf dem Kopf bleiben soll und Hausschuhe angezogen werden sollen? Wir vertrauen nicht auf das Gefühl des Kindes. Aber nur, weil uns kalt ist, heißt das noch lange nicht, dass unserem Kind kalt ist. Warum sollte es mehr anziehen, als sich gut anfühlt?

Außerdem dürfen unsere Kinder entscheiden wer ihnen die Zähne putzt (sofern mein Mann und ich zu Hause sind) und wo sie Zähne putzen möchten.

Früher hat uns der Alltagsstress oft dazu getrieben, keine „Extrawünsche“ oder Diskussionen zu dulden. Wir wollten einfach fertig werden und hatten das Gefühl keine Kapazitäten frei zu haben für Verzögerungen.

Doch je entspannter, flexibler und offener wir auf unsere Kinder zugehen, desto einfacher werden Situationen, in denen es dann wirklich mal schnell gehen muss. Dieser Spruch bringt das auch schön auf den Punkt:

Wenn ich nur darf wenn ich soll, aber nie kann wenn ich will, dann mag ich auch nicht wenn ich muss. Wenn ich aber darf wenn ich will, dann mag ich auch wenn ich soll, und dann kann ich auch wenn ich muss. Denn schließlich ist es doch so: Die können sollen, müssen auch wollen dürfen.

Prof. Dr. Heinz Schirp

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